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Einleitung
Mit dem Ende der DDR verschwanden große Teile der Führungselite der SED
aus dem öffentlichen Blickfeld. Bis heute aufkommende Diskussionen enden
nicht selten in den kontroversen Behauptungen, ehemalige SED-Kader seien
die Verlierer beziehungsweise die Gewinner der Einheit.
Diese Expertise untersucht einen Teilaspekt, den Verbleib ehemaliger Nomen-
klaturkader im öffentlichen Dienst des Landes Sachsen-Anhalt. Dabei macht
die Sondersituation, wonach aus den beiden DDR-Bezirken Halle und Magde-
burg mit Dessau, Halle und Magdeburg drei Regierungsbezirke gebildet wur-
den, das Land Sachsen-Anhalt für die Untersuchung besonders interessant.
1. Nomenklaturkader der DDR
1.1. Ein Überblick
Kader, insbesondere ihre Elite, die Nomenklaturkader, bildeten das Rückgrat
des SED-Staatskörpers. Untereinander zitierten manche dieser Genossen gern
selbstbewußt das Jossif Stalin zugeschriebene Wort: „Die Kader entscheiden
alles.“ Sie waren verantwortlich für die Umsetzung der Beschlüsse des Natio-
nalen Verteidigungsrates, des Zentralkomitees der SED, des SED-Politbüros
und des Ministerrats in ausnahmslos allen Bereichen der Gesellschaft.2
Mit langfristig über Kaderprogramme aufgebauten Führungskräften aus ihrem
gut zwei Millionen Mitglieder umfassenden Reservoir sicherte sich die SED
ihre Vorherrschaft, indem sie alle bedeutsamen Positionen im Sicherheitsbe-
reich, im Verwaltungsapparat, in der Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Kul-
tur, Medien und in den Massenorganisationen besetzte. Darüber hinaus be-
stimmten SED-Kader entscheidend mit, welche Vertreter der Blockparteien
wesentliche Leitungsfunktionen wahrnehmen durften.
Die Nomenklaturkaderfunktionen des SED-Apparates wurden listenmäßig er-
faßt als
Kadernomenklatur der Zentralen Ebene:
- Kadernomenklatur des Zentralkomitees der SED
- Kadernomenklatur des zentralen Staatsapparats und der Volkskammer (Prä-sidium der Volkskammer, Staatsrat, Ministerrat, Nationaler Verteidigungs-
rat)
- Zur Einflußnahme auf die Kirche, der einzigen nichtstaatlichen Institution in der DDR, unterhielt das ZK seit 1954 die Abteilung Kirchenfragen. Auf Beschluß des Politbüros wurde 1957 das Staatssekretariat für Kirchenfragen eingerichtet und dem Präsidium des Ministerrats unterstellt. Unterstrukturen reichen bis in die Räte der Kreise als Mitarbeiter für Kirchenfragen. Innerhalb des Ministeriums für Staatssicherheit war die 1964 aus der HAV hervorgegangene HA XX neben der Überwachung von Kultur und Opposition für die „Bearbeitung“ des Kirchenbereichs zuständig.
- Kadernomenklatur der Zentralen Staatsorgane (Ministerien und zentrale In-
stitutionen) - Kadernomenklatur der Zentralräte bzw. Bundesvorstände der Massenorga-
nisationen und Verbände.
Kadernomenklatur der Bezirksebene:
- Kadernomenklaturen der Bezirksleitungen der SED
- Kadernomenklaturen der Räte der Bezirke, des Magistrats von Berlin u. a.
Organe - Kadernomenklaturen der Bezirksleitungen und -vorstände der Massenorga-
nisationen und Verbände.
Kadernomenklatur auf Kreisebene:
- Kadernomenklaturen der Kreisleitungen der SED
- Kadernomenklaturen der Räte der Kreise, Räte der Stadtbezirke u. a.
- Kadernomenklaturen der Kreisleitungen und -vorstände der Massenorgani-
sationen und Verbände.3
Die SED betrieb generell eine selektive, streng dosierte Informationspolitik
mit einem hohen Geheimhaltungsgrad. Das galt für die Anzahl ihrer Funktion-
sträger und deren Aufgaben ebenso wie für die Gesetze des Kaderpaternosters.
Die Mechanismen der Macht sollten für Außenstehende undurchschaubar blei-
ben. Die Listen mit den Funktionen der Kadernomenklatur wurden als Ver-
trauliche Verschlußsache (VVS), zweithöchster ziviler Geheimhaltungsgrad
nach GVS, behandelt. Bis heute sind eine Reihe dieser Kadernomenklaturen
nicht verfügbar. Sie sind entweder archivarisch bisher nicht registriert oder
nicht mit den Nachlässen der Parteiarchive an die Landesarchive übergeben
worden. Zudem war es gängige Praxis, Nomenklaturkader in Doppel- oder
Mehrfachfunktionen zu führen, etwa als Nomenklaturkader des Zentralkomi-
tees und zugleich als Nomenklaturkader des Ministerrates.4
Innerhalb der obersten Machtelite kann ein Anteil von knapp 15 Prozent mit
zwei oder mehr Nomenklaturfunktionen als wahrscheinlich angenommen wer-
den.
Die letzte Kadernomenklatur der Bezirksleitung der SED Halle von 1987 weist
neben 1.421 Nomenklaturfunktionen innerhalb des Bezirkes 118 Nomenklatur-
funktionen des ZK aus. Das bedeutet, ca. 8 Prozent der Kader hatten minde-
stens zwei Nomenklaturfunktionen inne.
- Peter Eisenfeld/Otto Wenzel: Nomenklaturkader der DDR – eine der wichtigsten Säulen der SED-Diktatur, LBStU Berlin (Manuskript), S. 4.
- Vgl. Matthias Wagner: Das Nomenklaturkadersystem – Hauptinstrument der Kaderpolitik der SED, Protokoll der 6. Sitzung der Enquete-Kommission „Deutsche Einheit“ vom 29. Februar 1996, S. 6/15: „In einer beigelegten ’Information über die Zusammensetzung der Nomenklaturkader des Zentralkomitees der SED’ [von 1987, d. Verf.] wird die Zahl von 4.429 Kadern angegeben, die 5.068 Nomenklaturfunktionen besetzten. Dies heißt, daß maximal 639 Kader eine Doppelfunktion hatten bzw. eine dann geringer werdende Anzahl von Kadern zwei oder auch mehrere Funktionen besetzten. Mit diesen 4.429 Nomenklaturkadern haben wir offensichtlich den inneren Kreis der Macht vor uns (...)“
