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Wahlperiode 13, Band IV/1, Seiten 116 und 117
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Protokoll der 12. Sitzung
14 Bernd-Reiner Fischer: Ein auslaufendes Modell. Das Verschwinden des
DDR-Wissenschaftlers. In: Transformationen der deutschen Bildungsland-
schaft (Anm. 6), S. 103-113, hier 113.

 

Vorsitzender Rainer Eppelmann: Wir danken Ihnen, Herr Professor Anwei-
ler, und ich bitte jetzt Herrn Dr. Florath um seinen Vortrag.

Dr. Bernd Florath: Meine Damen und Herren, ich habe eben mit meinem
Kollegen schon festgestellt, daß Ihnen manche Doppelungen erspart geblieben
wären, wenn wir vielleicht vorher einige Dinge untereinander abgesprochen
hätten, denn es gibt Feststellungen, die sind so grundsätzlich, daß wahrschein-
lich kein Kollege darum herumkommt, sie immer wieder zu wiederholen, wie
die folgende: die Feststellung, daß das Interesse der SED an der Wissenschaft
keines wissenschaftlicher Natur war, ist zweifellos banal. Ihr Interesse war
politischer Natur, richtete sich auf die historische Legitimierung des eigenen
Tuns, was sie an sich noch nicht unterscheidet von anderen Parteien. Ihre eben
nicht zufällige, aber beanspruchte und mit allen Mitteln durchgesetzte mono-
polistische Stellung oktroyierte dieses politische Interesse immer wieder nicht
nur der gesamten Gesellschaft, sondern auch den Wissenschaftlern auf.

Worüber ich jetzt sprechen will, das ist eine Debatte unter Historikern, die sich
Ende der siebziger Jahre entwickelte, nämlich die Debatte, die mit der Frage
nach Erbe und Tradition der „sozialistischen Nation der DDR“ den Kern ihres
historischen Verständnisses thematisierte. Es gibt einige Indizien, die darauf
hindeuten, daß diese Debatte nicht unmittelbar einer politischen Weisung der
zuständigen SED-Instanzen entsprang, sondern eine mittelbare Reaktion auf
die ideologischen Inkongruenzen war, die sich aus den Änderungen der natio-
nalen Selbstdefinition zu Beginn der siebziger Jahre ergaben. Unabhängig von
der Frage, ob und inwieweit auch am Beginn der Diskussion um Erbe und
Tradition ein expliziter Auftrag der SED an ihre Historiker vorlag oder ob sie
sich aus der Logik anderer Aufträge ergab, muß die Ausgangslage umrissen
werden, um nachvollziehen zu können, was an ihr neu war, was sie modifi-
zierte, welche Antriebe sie hervorbrachten und forttrieben.

Vergleicht man die intensiven Vorbereitungen der Moskauer Exilführung der
KPD und Ulbrichts konzipierende Interventionen in die historische Forschung
mit den diesbezüglichen Äußerungen Honeckers, muß klar festgehalten wer-
den: Honecker hatte überhaupt keine historische Konzeption. Er orientierte die
SED Anfang der siebziger Jahre unter dem Schlagwort des „internationalisti-
schen Wesens“ des Sozialismus wieder darauf, daß die DDR – ich zitiere ihn –
“ein fester, unverrückbarer Bestandteil der sozialistischen Staatengemein-
schaft“ sei, wofür er nicht zuletzt das Argument anführte, sie stehe hinter –
oder vielleicht besser unter – dem „militärischen Schild der Sowjetarmee“. Die
neuerliche Betonung der im Vergleich zur nationalen höhere Bedeutung tra-

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Instrumentalisierung von Wissenschaft/ Bildung

genden international-kommunistischen Bindung für das SED-Selbstverständnis
setzte zugleich eine Reformulierung der nationalen Frage auf die Tagesord-
nung. Es ging um die Abgrenzung zur Bundesrepublik, um die Feststellung der
Endgültigkeit der Spaltung der deutschen Nation, die noch in den sechziger
Jahren von Ulbricht als – wenn auch nur unter einer Reihe von Vorbedingun-
gen – rekonstruierbare Einheit zumindest verbal postuliert wurde. Nunmehr
galt die Spaltung als bereits Mitte der fünfziger Jahre endgültig vollzogen,
„eine staatliche Wiedervereinigung, die die SED bis dahin angestrebt hatte“,
als unmöglich. (Walter Schmidt, Boykott aus Angst vor der Wahrheit, in:
Junge Welt, 18.6.1974)

Bereits zu Beginn der siebziger Jahre wurde die Ulbrichtsche „nationale
Grundkonzeption“ der deutschen Geschichte verworfen. Die Nachkriegsge-
schichte Deutschlands war künftig nicht mehr die Geschichte der Spaltung
eines Landes. Innerhalb der Kontinuität einer auf die DDR bezogenen deut-
schen Geschichte hatte sich die Bundesrepublik abgespalten, war somit aus der
deutschen Geschichte ausgeschieden. Die Geschichte dieses – gewissermaßen
– Sezessionsstaates wurde Gegenstand der Abteilungen für Allgemeine (das
heißt außerdeutsche) Geschichte, wo sie im Rang freilich weit hinter der der
Sowjetunion, der sozialistischen Bruderstaaten und Chinas etwa in Augenhöhe
mit der Frankreichs, Englands, der USA rangierte. Das ihrer Erforschung
zugestandene Forschungspotential freilich war noch geringer.

Es war nur konsequent, daß unter diesen Prämissen die Definition der DDR als
Staat deutscher Nation an ihrem 25. Gründungstag aus der geltenden Verfas-
sung gestrichen wurde. Indes wurde relativ rasch deutlich, daß sich hieraus
eine Desorientierung ergab, die selbst die Kader der SED erfaßte. Die offenba-
re Tatsache, daß auch diese sich nach wie vor als Deutsche verstanden, aber
einfach nicht mehr wußten, welche Nationalität sie auf dem Anmeldezettel
eines Hotels angeben sollten, rief eine gewisse Unruhe hervor, die erst durch
die feinsinnige Unterscheidung zwischen Nation und Nationalität behoben
wurde. Deren unmittelbarster Ausdruck war das meines Wissens letzte Extra-
blatt des „Neuen Deutschland“ zum Raumflug Sigmund Jähns: „Der erste
Deutsche im All – ein Bürger der DDR.“

Aus dieser Situation eröffnete sich für die SED ein Problem der historischen
Legitimationsideologie. Die Selbstkonstituierung der DDR als Nation gewis-
sermaßen sui generis konnte man schlechterdings nicht legitimieren, wie dies
im Kern in den vierziger Jahren geschah, unter der Maßgabe des Entweichens
aus der deutschen Misere, also der deutschen Geschichte, indem man sich
adoptieren ließ durch den siegreichen Strang des Fortschritts, wie ihn die
ruhmreiche Sowjetunion verkörperte. Die DDR mußte sich auf sich selbst
beziehen, auf die eigene Nationalgeschichte. Die SED-Führung mußte aus
mehreren Gründen ein einseitiges, ausschließlich internationalistisches oder
proletarisches Selbstverständnis vermeiden: