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Wahlperiode 12, Band II/1, Seiten 104 und 105
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Protokoll der 18. Sitzung

„breite Masse des Volkes“, in dem Augenblick einem visions- wie kenntnisar-
men Parteiwebel weichen, wo geistige Beweglichkeit unerwünscht, unkritische
beflissene Weisungserfüllung aber Gebot der Stunde war.

Daß mit dem Präsidenten auch der Generalsekretär fiel, ist leichter zu erklären.
Hans Mark war nach dem Urteil seines Stellvertreters Hamacher ein orga-
nisatorisches Antigenie. Seine unzureichenden organisatorischen Fähigkeiten
illustriert bildhaft eine Geschichte, die die langjährige Chefin des gesellschafts-
eigenen Verlags, Irene Gysi, zum besten gegeben haben soll. „Eines schönen
Tages“, so erzählte sie, „erschien Hans bei mir. Mit bedrückter Miene erklärte
er: ’Paß auf, Irene, du mußt jetzt ein Büchlein führen. Auf die eine Seite
schreibst du das, was du einnimmst, auf die andere das, was du ausgibst.’“
„Zu diesem Zeitpunkt“, so soll Frau Gysi die Marksche Anweisung ergänzt
haben, „hatte ich im Verlag bereits 20 Buchhalter.“

Das neue Gespann Ebert /Grünberg parierte die Order der Partei. Die Gesell-
schaft funktionierte fortan genau so, wie die Partei es verlangte. Freilich gab es
zu diesem Zeitpunkt noch immer Menschen in ihr, die meinten, sie habe ganz
anders zu arbeiten. Diese Reste bildungsbürgerlicher Mitgliedschaft der ersten
Jahre wurden deshalb vom gehorsamen, weil parteigeschulten Funktionärs-
nachwuchs hart bedrängt. Rausschmeißen müsse man solche Leute, forderte
beispielsweise ein Kreissekretär auf einer Landeskonferenz in Brandenburg,
oder jedenfalls mal so richtig schulen. Die Bildungs- wie Versöhnungswilligen
der ersten Stunde zogen sich mit der DDR-typischen Freiwilligkeit zurück und
überließen das Feld den in leerer Betriebsamkeit geübten Apparatschiks.

Die DSF wurde in schnellem Tempo nun endgültig Vielzweckwaffe im
Propagandagetriebe der SED. Ihr Apparat wächst derartig, daß er sich zuletzt
selbst genügt hätte und durchaus ohne Mitglieder ausgekommen wäre. Diese
Erkenntnis war im Jahre 1990 im Gesamtvorstand der Gesellschaft durchaus
noch präsent. Ich habe sie in Berlin mit eigenen Ohren gehört.

Wenn ich zum Schluß zusammenfasse, dann ergibt sich folgendes Bild: Die
wenigen Studienzirkel der Jahre 1945 bis 1947 sind auf freiwilliger Basis
entstanden. Gegen ihre Verwandlung über die Stufe einer „Gesellschaft zum
Studium der Kultur der Sowjetunion“ hin zur „Gesellschaft für Deutsch-
Sowjetische Freundschaft“, zu einem jener Transmissionsriemen, mit denen
die Partei ihren Willen der Bevölkerung aufzwang, haben ihre Mitglieder Ein-
spruch erhoben. Zahlreiche Diskussionsbeiträge auf den Jahresversammlungen
der frühen Jahre, bis etwa 1950/51, in den Ländern wie im „Zonenmaßstab“,
legen davon ein beredtes Zeugnis ab. Er wurde überhört.

Wie weit die Vorstellungen von Apparat und Mitgliedschaft über die Inhalte
der Arbeit auch nach dem zweiten Kongreß und dem Sturz Kuczynskis
auseinanderklafften, macht eine Umfrage deutlich, die die Gesellschaft im
Herbst 1956 unter der Bevölkerung der DDR veranstaltete. Deren Ergebnisse
zeigen, daß viele Mitglieder nach neun Jahren Tätigkeit der DSF nicht

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Veränderung des Parteiensystems 1945–1950

einmal die primitivsten Kenntnisse über die Verhältnisse in der Sowjetunion
besaßen, daß die meisten einen direkten Kontakt mit einfachen, normalen
sowjetischen Menschen wünschten, daß vielen die so maßlos übertriebende
Lobhudelei hinsichtlich der Errungenschaften der Sowjetunion gründlich
zuwider gewesen ist. An dieser Einschätzung der Gesellschaft hat sich bis
zum Ende der DDR wohl nichts Wesentliches geändert. Das zeigt ihr rapider
Schrumpfungsprozeß nach dem 9. November 1989. Bis zum Februar 1991
schmolz die zweitgrößte Massenorganisation nach dem Gewerkschaftsbund
von 6,3 Millionen Mitgliedern – das waren 37 % der DDR-Bevölkerung –
auf 20.000 = 0,1 % zusammen. Neben dem staatlichen Zwang war am
9. November 1989 auch die „inoffizielle Rolle“ der DSF weggefallen. Sie war
von den Apparatschiks als eine jener Organisationen eingeordnet worden, bei
der die allein zahlende Mitgliedschaft als Nachweis gesellschaftlicher Aktivität
anerkannt wurde. Eine private Nische brauchte zwischen Elbe und Oder nun
niemand mehr durch solchen Nachweis abzusichern.

Wenn Russen und Rußland heute in der gesamtdeutschen Bevölkerung
verbreitet große Sympathien genießen, dann ist das also kaum dem Wirken
der DSF, sondern vor allem der Person und der Politik Gorbatschows zu
verdanken.

Stellvertretende Vorsitzende Margot von Renesse: Vielen Dank, Herr Pro-
fessor Dralle. Man fragt sich unwillkürlich, was eine solch erzwungene
Völkerfreundschaft diesem durch viele Ereignisse belasteten Verhältnis zwi-
schen Deutschen und Russen angetan haben mag. Vielen Dank an die drei
Vortragenden und an diejenigen, die das vorbereitet haben.

Abg. Dehnel (CDU/CSU): Ich habe die Frage, welche Rolle Johannes
R. Becher und der gesamte Kulturbund bei der Aussonderung oppositioneller
Künstler gespielt hat.

Zur DSF habe ich folgende Fragen: Wußten Sie, daß 80 % der Arbeitnehmer
in der DDR die Auszeichnung „Sozialistisches Kollektiv“ trugen und daß man
nur etwas erreichen konnte, wenn man Mitglied der DSF war? Wußten Sie,
daß man gezwungen wurde, in die DSF einzutreten, wenn man studieren
wollte? Ich frage das deshalb, weil beides in unserem Leben eine große Rolle
gespielt hat.

Abg. Hansen (F.D.P.): Meine Frage richtet sich an Frau Dr. Heider.
Können Sie etwas zu den Beziehungen zwischen dem Kulturbund und dem
Schriftstellerverband sagen, etwa zur Rolle Hermann Kants?

Abg. Dr. Schmieder (F.D.P.): Zum Vortrag von Herrn Professor Dralle habe
ich eine Anmerkung: Sie hatten davon gesprochen, daß die Prononcierung
der sowjetischen Kunst, nämlich der Theaterwissenschaften und der Thea-
teraufführungen, von ganz herausragender Bedeutung für das Wirken und
das Erscheinungsbild der Gesellschaft gewesen ist. Sie haben etwas ganz