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Wahlperiode 13, Band VII, Seiten 128 und 129
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Protokoll der 48. Sitzung

sondern auch das spezifische Verhalten der jeweiligen Gesellschaft bzw. Ge-
sellschaften. Diese Vergleiche sind darüber hinaus auch aus konzeptionellen
historiographischen Gründen notwendig, soll die DDR-Geschichte als zwei-
fellos integraler Bestandteil – nicht nur der deutschen, sondern auch der euro-
päischen Geschichte im ausgehenden 20. Jahrhundert – (Stichwort Historisie-
rung) – adäquat eingeordnet werden können. Es ist darüber hinaus auch aus
lebensweltlichen generationsspezifischen Erfahrungen eines beträchtlichen
Teils deutscher Bevölkerung unumgänglich. Fest steht, und ich fasse hier zu-
nächst den gegenwärtigen Stand der Debatte zur Totalitarismustheorie und ihre
möglichen Anwendungen auf einen Vergleich zwischen NS- und SED-Regime
sehr verkürzt zusammen, daß man nur mit einer stark modifizierten Totalita-
rismustheorie sinnvoll wird arbeiten können. Ihre Defizite angesichts der
Überzeichnung der Realisierbarkeit des staatlich diktatorischen Machtan-
spruchs, ihre mangelnde Erklärungskraft hinsichtlich des sozialen Wandels in
Diktaturen einschließlich auch der Rückwirkung unintendierter Nebeneffekte
auf die Herrschaftspraxis sind bekannt. Gleichwohl wird man auf sie – gerade
wegen ihres von Anfang an komparativen Ansatzes – letztlich nicht verzichten
können, und zudem ist die Geschichte der SBZ/DDR ohne den Katalysator der
NS-Diktatur historisch ohnehin nicht denkbar. Entsprechend ist es erforderlich,
die Kennzeichnung von klassischen, inzwischen aber längst überholten Unter-
scheidungsmerkmalen im kommunistisch-faschistischen Vergleich erheblich
zu erweitern und zu verfeinern, um präzisere Kriterien für den spezifischen
Vergleich zwischen der NS- und der SED-Diktatur zu gewinnen. Dies schließt
gleichermaßen ein, daß man sich auch über die bestehenden Vergleichstypen
im klaren ist. Hier ist zwischen einem ganzheitlichen integralen Vergleich bei-
der deutschen Diktaturen zu unterscheiden, der beide Herrschaftssysteme in
ihrer Gesamtheit und ihren Hauptmerkmalen, d. h. übergreifende Gemeinsam-
keiten, aber auch spezifischen Unterschieden zu erfassen sucht, sowie einem
partiellen sektoralen oder selektiven Vergleich, der nur ganz bestimmte
Strukturen, Institutionen, Politiken oder Ideologomina – ebenso wie das Ver-
halten von sozialen Schichten oder Berufsgruppen – in ihrer Lebens- und All-
tagswelt herausgreift. Während es sich bei ersterem methodologisch gesehen
um eine vergleichende Gegenüberstellung mit eher historisch abstrakten Krite-
rien handelt, vermag der partielle sektorale Vergleich schon aufgrund seines
Zugriffs auf begrenzte Vergleichsobjekte mit präziseren Kriterien zu erfassen.
Voraussetzung dafür ist allerdings, daß nur tatsächlich vergleichbare, d. h.
kompatible Untersuchungsgegenstände verglichen werden können. Für beide
komparative Ansätze gilt zudem, daß sowohl die jeweilige Aktion des Regi-
mes als auch gleichgewichtig die vielfältige Reaktion der Betroffenen in die
Untersuchung einbezogen und damit schon ein genanntes Grunddefizit bishe-
riger totalitarismustheoretischer Ansätze von Anfang an überwunden wird. Wir
haben uns deshalb in Leipzig ganz bewußt auf empirische Forschungsprojekte
konzentriert, die in der Regel sektorale bzw. selektive Vergleiche zwischen
beiden Diktaturen vornehmen, insbesondere in institutionen- und betriebsge-
schichtlicher Hinsicht, wobei mit einem kombinierten politik- und sozialhisto-
rischen Ansatz vorgegangen wird, um gleichgewichtig sowohl die Etablierung

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Forschung zur DDR-Geschichte

und Existenz des Herrschaftsapparates als auch die eventuelle Beharrungskraft
und graduelle Veränderung sozialer Strukturen und Mentalitäten genauer zu
erfassen.

Was die weiteren Systemvergleiche mit der früheren Bundesrepublik und den
sozialistischen Staaten angeht, so sind diese gegenüber ersten empirischen An-
sätzen zum Diktaturvergleich zwischen dem NS- und SED-Regime inzwischen
weit zurückgefallen. Das gilt noch mehr für den sogenannten intrasystemaren
Vergleich, also etwa den Vergleich der DDR mit Polen oder der Sowjetunion.
Hier liegt in der Tat ein gravierendes Defizit vor, etwa auch in bezug auf die
Verflechtung mit dem RGW oder die Ähnlichkeiten bzw. Unterschiede von
Oppositionsgruppen. Letzterer scheitert bekanntlich vor allem an mangelnder
Sprachkompetenz wie auch im Zugriff auf authentische Quellen in ehemaligen
sozialistischen Regimen. Dieser Vergleich ist aber unverzichtbar, will man die
besondere Position der DDR und die Spezifika ihres Herrschafts- und Gesell-
schaftssystems im früheren Ostblock verstehen.

Zielsetzung künftiger Darstellungen der Geschichte der SBZ/DDR wird es sein
müssen, die Ambivalenz von Verflechtung und Abgrenzung der geteilten und
zusammengehörigen deutschen Nachkriegsgeschichte – wie das mein Kollege
Kleßmann treffend und zugleichen zutreffend formuliert hat – historiogra-
phisch in den Griff zu bekommen, um den von der SED geschaffenen Staat als
integralen Bestandteil deutscher wie europäischer Geschichte (Stichwort
Langzeitzusammenhang), adäquat porträtieren zu können. Dies besitzt aber
zugleich auch eine über die deutsche Geschichte hinausragende Bedeutung.
Aufgrund der besonderen historischen Konstellation und der Erfahrung mit
zwei Diktaturen steht die deutsche Zeitgeschichtsforschung auch unter einem
gewissen internationalen Erwartungsdruck sich mit dem Diktaturen – und Sy-
stemvergleich auseinanderzusetzen, wenn das Diktum stimmt, daß dieses zu
Ende gehende 20. Jahrhundert vom Kampf zwischen Diktatur und Demokratie
geprägt gewesen ist. Und so sehr die Vergangenheit der DDR nach wie vor die
Gegenwart des heutigen Deutschlands mitprägt, die geschichtliche Perspektive
wird sich langfristig zwangsläufig ändern, wenn man sich vergegenwärtigt,
daß Hitler und Honecker schon in 750 Tagen zu historischen Figuren des vori-
gen Jahrhunderts gehören werden. Danke.

Gesprächsleiter Prof. Dr. Clemens Burrichter: Schönen Dank Herr Heyde-
mann. Manfred Wilke bitte.

Prof. Dr. Manfred Wilke: Ich bin gebeten worden, Bilanz und Perspektive
des Forschungsverbundes SED-Staat über die Geschichte der DDR vorzutra-
gen, möchte aber zunächst auf zwei Bemerkungen meiner Vorredner eingehen.
Die eine richtet sich an Hermann Weber, der uns zu Recht an den Vergleichs-
maßstab sieben Jahre nach dem Ende der SED-Diktatur erinnert hat, um auch
noch einmal zu erinnern, worin die Bedeutung der Aufarbeitung der DDR-Ge-
schichte im Prozeß des Zusammenwachsens der beiden deutschen Gesell-
schaften liegt. Es ist der Gesichtspunkt des „Verwertungszusammenhangs“,
auf den Clemens Burrichter hinwies.