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Wahlperiode 12, Band II/2, Seiten 848 und 849
848
Thomas Ammer

den Nomenklaturen bzw. Nomenklaturlisten, aufgeführt.184 Dem vom No-
menklatursystem erfaßten Personenkreis dürften einige hunderttausend Fach-
und Führungskräfte – „Kader“ in kommunistischer Terminologie – angehört
haben. Offizielle Angaben über die Entsendung von Nomenklaturkadern zu
Weiterbildungslehrgängen an Parteischulen in den siebziger und achtziger
Jahren vermitteln eine ungefähre Vorstellung über die Zahl der Nomenkla-
turkader. Von 1971 bis 1980 nahmen 339.000, von 1981 bis 1986 320.000
Nomenklaturkader an solchen Lehrgängen teil.185

Bei 2,3 Millionen Parteimitgliedern gegen Ende der achtziger Jahre konnte
für die SED-Führung die Parteizugehörigkeit allein nicht ausreichendes Loya-
litätskriterium sein. Mit Hilfe des mit dem zentralen Parteiapparat und nicht
zuletzt mit dem MfS eng verbundenen Kaderapparats und des Nomenklatursy-
stems versuchte sie, aus dem Millionenheer der Parteimitglieder und teilweise
auch aus Parteilosen und Mitgliedern der nichtkommunistischen Blockparteien
die für die Stabilität ihres Regimes benötigten zuverlässigen Systemträger
auszuwählen, sich ein hierarchisch strukturiertes Kadersystem zu schaffen.
Nur ausnahmsweise wurden die Regeln für den Aufstieg in die Funktionärs-
schicht und für die Karriere der Kader in der DDR veröffentlicht. Eine solche
Ausnahme bildete der Beschluß des ZK-Sekretariats über die Arbeit mit den
Kadern vom 7.6.1977, in dem die Pflichten der Kader allgemein und, wenn
man sie denn ernst nehmen wollte, eigentlich unerfüllbar formuliert waren
(vergleichbar mit den Pflichtenkatalogen in Programm und Statut der SED).186
Die zusammenfassende Wiedergabe der die ganze Person erfassenden nahezu
grenzenlosen Ansprüche in diesem Kaderbeschluß an die „leitenden Kader“
(darunter fielen in der Theorie auch z. B. Sachbearbeiter, Betriebsmeister und
ehrenamtlich tätige Parteifunktionäre) zeigt, daß die Kaderpolitik der SED ihr
Ziel, eine wirklich fähige, einsatzbereite und in Krisensituationen belastbare
Kadertruppe zu schaffen, so nicht erreichen konnte:

  • „Unbedingte Treue zur Arbeiterklasse“, zur SED und zum Marxismus-
    Leninismus, ständiges Bemühen um das Erfassen des Marxismus-
    Leninismus und der Parteibeschlüsse, Einsatz für die Verwirklichung der

 

  1. Einzelheiten siehe bei Glaeßner (Anm. 111), S. 239 ff.; Manfred Uschner (Anm. 127), S. 98 ff. Mit der „Ordnung zur Arbeit mit der Kadernomenklatur der Kreisleitung Greifswald“ vom 4.8.1989 und der dazugehörenden Kadernomenklatur dieser Kreisleitung wurden 1990 erstmals detaillierte Dokumente über das Nomenklatursystem auf regionaler Ebene veröffentlicht. Vgl. Untersuchungsausschuß der Stadt Greifswald, Arbeitsgruppe Staatssicherheit: Abschlußbericht der Arbeitsgruppe Staatssicherheit des Untersuchungsausschusses der Stadt Greifswald; Greifswald, Februar 1990, S. 119 ff., 124 ff.
  2. Anneliese Bräuer/Horst Conrad: Kaderpolitik der SED – fester Bestandteil der Leitungstätigkeit (Reihe „Der Parteiarbeiter“), Berlin (Ost) 1981, S. 40; Bericht des Politbüros an die 3. Plenartagung des ZK der SED (20. /21.11.1986), in: Neues Deutschland, 21.11.1986.
  3. Beschluß des Sekretariats des Zentralkomitees über die Arbeit mit den Kadern vom 7. Juni 1977 (Anm. 131)
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Machthierarchie der SED
  • Parteibeschlüsse, Propagierung des Marxismus-Leninismus; kompro-
    mißloser Kampf gegen alle Erscheinungen der bürgerlichen Ideologie;
  • unbedingte Loyalität sowohl gegenüber der DDR als auch gegenüber der
    KPdSU, der Sowjetunion und den anderen Ländern der sozialistischen
    Gemeinschaft sowie zum „proletarischen Internationalismus“;
  • konsequente Erfüllung der „Hauptaufgabe in ihrer Einheit von Wirt-
    schafts- und Sozialpolitik“, das heißt Umsetzung der Wirtschafts- und
    Sozialpolitik der SED; Förderung der sozialistischen ökonomischen In-
    tegration, selbstlose Einsatzbereitschaft, aktive Beteiligung an Agitation
    und Propaganda;
  • Parteilichkeit (das heißt Beurteilung jeder Angelegenheit vom Stand-
    punkt der SED aus), Sachkenntnis, Disziplin, schöpferische Initiative,
    Bescheidenheit und vorbildliche Haltung in der Arbeit und im Privat-
    leben, menschliche Reife, Kampf gegen die Verletzungen gesellschaft-
    licher Pflichten, gegen Subjektivismus und Schönfärberei, Entfaltung
    von Kritik und Selbstkritik; hohe politische und fachliche Kenntnisse,
    Führungsqualität (enge Verbindung zum Kollektiv, richtiges Verhältnis
    von kollektiver Leitung und persönlicher Verantwortung, Entwicklung
    der Fähigkeiten der unterstellten Mitarbeiter und ihre Einbeziehung
    in Leitung und Planung, Beachtung ihrer Hinweise und Vorschläge),
    Beherrschung der modernen Leitungsmethoden;
  • Wahrung von Partei- und Staatsgeheimnissen, strikte Einhaltung der
    sozialistischen Gesetzlichkeit, der Ordnung und Sicherheit.187

Neben der politischen und ideologischen Zuverlässigkeit spielte die fachliche
Qualifikation eine, in verschiedenen Phasen der DDR-Geschichte allerdings
unterschiedliche, Rolle. Die Karriere der Funktionäre hing in der Praxis
auch von anderen, schriftlich nicht oder nur in Geheimdokumenten fixierten
Kriterien ab: familiärer Hintergrund (ein Teil des Funktionärscorps, vor allem
im Militär- und Sicherheitsapparat, regenerierte sich „aus sich selbst heraus“,
das heißt Ehegatten, Kinder und Enkel wurden in den jeweiligen Apparat
nachgezogen), keine Westverwandtschaft oder wenigstens Verzicht auf private
Westkontakte, ständige Leistungs- und Loyalitätsnachweise (als Loyalitätsbe-
weis wurde oft, aber nicht zwingend, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit
mit dem MfS erwartet), positive Beurteilung durch das MfS und oft auch
persönliche Beziehungen. Es ist anzunehmen, daß die meisten SED-Mitglieder
und viele der unteren Funktionäre über die Praktiken der Kaderpolitik der SED,
das Nomenklatursystem und ihren eigenen Platz in diesem System sowie über
den ihnen vom Kaderapparat vorgezeichneten Entwicklungsweg nicht oder
nur wenig informiert waren.

 

  1. ebd.
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