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Wahlperiode 12, Band III/3, Seiten 2034 und 2035
 

Hermann Weber/Lydia Lange

Zur Funktion des Marxismus-Leninismus

 

1. Zur Fragestellung
2. Der Marxismus-Leninismus als Ideologie
2.1. Die Funktion der Ideologie
3. Merkmale einer Ideologie am Marxismus-Leninismus
4. Charakteristische Merkmale der marxistisch-leninistischen Ideologie un-
ter besonderer Berücksichtigung der DDR
4.1. Die „führende Rolle“ der Partei und die Bedeutung des Klassenkampfes
4.2. Die Betonung überindividueller Institutionen und Organisationen
4.3. Das externalistische Menschenbild
4.4. Der „subjektive Faktor“ und die Bedeutung ideologischer Auseinander-
setzungen
4.5. Die Neigung zur Harmonisierung und die theoretische Konzeptionslosig-
keit der SED-Führung
4.6. Die ideologische Berufung auf die Sowjetunion und die KPdSU
5. Verschiedene Phasen der Verwendung des Marxismus-Leninismus in der
SBZ/DDR
5.1. Die Nachkriegsjahre und die „antifaschistisch-demokratische Ordnung“
5.2. Verstärkte Verbreitung des Marxismus-Leninismus ab 1951
5.3. Der XX. Parteitag der KPdSU und die vermiedene Entstalinisierung, die
Entwicklung bis zum V. Parteitag 1958
5.4. Der Mauerbau 1961 und vorübergehende Versuche wirtschaftlicher und
sozialer Reformen
5.5. Das ideologisch bedeutsame Jahr 1968: Einmarsch in die CSSR,
3. Hochschulreform, neue Verfassung
5.6. Ablösung Ulbrichts, Konflikte mit Künstlern Mitte der siebziger Jahre
5.7. Die ideologische Hilflosigkeit der SED in den achtziger Jahren
Literatur
Literatur
Zusammenfassung

 

1. Zur Fragestellung

Bei der Untersuchung der Funktion des Marxismus-Leninismus in den sog.
sozialistischen Ländern ist es möglich, von zwei verschiedenen theoretischen
Annahmen auszugehen. Um diese deutlich darzustellen, sind hier diese theo-

2035
Funktion des Marxismus-Leninismus

retischen Auffassungen als einander entgegengesetzte Ansichten formuliert (s.
Weber 1993).

A) Der Marxismus-Leninismus ist eine Theorie mit dem Anspruch, all-
gemeingültige Grundzüge der gesellschaftlichen Entwicklung nachzuweisen.
Danach erscheint die Existenz des sozialistischen Gesellschaftssystems als
Konsequenz der Umsetzung des Marxismus-Leninismus auf die jeweils kon-
kreten gesellschaftlichen Verhältnisse. Die gesellschaftliche Praxis in den „so-
zialistischen Ländern“ ist somit das Ergebnis der Anwendung des Marxismus-
Leninismus. Diese Meinung vertreten sowohl Marxisten-Leninisten selbst als
auch ein Teil der Gegner des Marxismus. Dabei spielt es bei unserer Betrach-
tung zunächst keine Rolle, ob die Vertreter der eben genannten theoretischen
Annahme zum Verhältnis von Marxismus und gesellschaftlicher Praxis der
Auffassung sind, die Theorie sei fehlerlos und unverzerrt auf die soziale
Wirklichkeit angewendet worden oder nicht. Zumindest Marxisten, die die
politischen Verhältnisse in den Ländern des realen Sozialismus kritisierten,
sahen in der Umsetzung des Marxismus-Leninismus auf die konkreten Um-
stände Fehler und Entstellungen der marxistischen Theorie.

B) Die gesellschaftlichen Verhältnisse, die sich in den Ländern des „so-
zialistischen Weltsystems“ herausbildeten, sind nicht schlechthin das Produkt
einer „wissenschaftlichen“ Theorie oder Ideologie, sondern Ergebnisse eines
Ensembles von Bedingungen, politischer Umwälzungen, z. B. als Folge von
Revolutionen oder Weltkriegen. Der Marxismus-Leninismus diente nach der
Machteroberung der kommunistischen Partei bzw. bestimmter Gruppierungen
in ihr als ideologisches Legitimierungsinstrument zur Verschleierung und
Rechtfertigung der Diktatur, nicht aber als theoretische Anleitung zu plan-
vollem Handeln. Nach dieser Auffassung sind die historischen Abläufe viel
zu komplex, um aufgrund einer bestimmten Theorie vorhergesagt und gestaltet
zu werden.

Wir vertreten hier die an zweiter Stelle genannte Auffassung.

Die Antwort auf die Frage, ob die gesellschaftliche Praxis vom Marxismus-
Leninismus gestaltet worden ist, ist nicht nur von historischem Interesse. Sie
kann uns auch Aufschluß darüber geben, ob diese Ideologie (oder eine andere)
für künftige gesellschaftliche Entwicklungen als Gestaltungsinstrument in
Frage kommt oder nicht. Wir beschränken uns auf die Funktion, die der
Marxismus-Leninismus für die SED in der DDR hatte. Wir behandeln nicht
Marx, sondern den Marxismus-Leninismus, wie er von der SED sowohl
produziert als auch benutzt wurde. Es geht nicht um eine Darstellung der
Inhalte Marxschen Denkens und eine Würdigung seiner Leistungen bzw. Kritik
seiner Fehler.