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Wahlperiode 13, Band VIII/1, Seiten 10 und 11
10
Protokoll der 34. Sitzung
Podium
Die gegenseitige Sicht der Deutschen in Ost und West – Weiterwirken
von Stereotypen und wie damit umzugehen ist
 
Annette Simon 88
Heinrich August Winkler 90
Hans-Jürgen Fischbeck 93
Ulrich Schacht 95
Manfred Rexin 100
Diskussion 103

 

Vorsitzender Rainer Eppelmann: Ich begrüße Sie alle zu dieser öffentlichen
Anhörung „Wechselseitige Wahrnehmungen und Reaktionen im geteilten
Deutschland und ihre Nachwirkungen“, ausgehend von der Erfahrung und der
Erkenntnis, daß die Deutsche Demokratische Republik aufgehört hat zu exi-
stieren, daß sie aber mit ihrer Existenz einmal sehr nachdrücklich die Men-
schen geprägt und beeinflußt hat in Teilen bis heute, die in dieser DDR über
viele Jahre gelebt haben, aber eben auch die Altbundesrepublikaner, die auch
an der einen oder anderen Stelle sehr maßgeblich durch die deutsche Teilung
geprägt und beeinflußt worden sind.

Ich möchte Sie, wie gesagt, alle ganz herzlich begrüßen, auch den gerade noch
hereintretenden Professor Faulenbach. Die umständliche Themenformulierung
vermag nicht zu verbergen, daß es heute erneut um unser aller Biographien
geht: Wie haben wir im Osten und im Westen unseres geteilten Deutschland
gelebt? Was haben wir voneinander gewußt? Was wollten und was konnten
wir voneinander wissen? Wie sind wir uns begegnet? Wie hat uns das Wissen,
oft sogar von unseren engsten Verwandten durch eine schier unüberwindliche
Grenze getrennt zu leben, geprägt? Was ist von alle dem zurückblieben? Wie
sehen wir uns heute?

Die zuständige Berichterstattergruppe hat sich bei der Zusammenstellung des
heutigen Programms darum bemüht, möglichst viele Gesichtspunkte zu diesen
Fragen einzuplanen. Da werden Kenner und Kennerinnen aus den Bereichen
der Politikwissenschaft, der Publizistik, der Demoskopie, der Pädagogik, der
politischen Bildung, der Sozialwissenschaften und schließlich auch noch Men-
schen zu Wort kommen, die die deutsche Teilung in besonderer Weise zu spü-
ren bekamen. Ich danke Ihnen allen, die uns mit Ihren Beiträgen zum Nach-
denken über unsere früheren und gegenwärtigen Wahrnehmungen voneinander
helfen werden schon jetzt sehr herzlich!

Ich selber, Sie wird das vermutlich nicht verwundern, fühle mich hier auch ein
bißchen sachverständig, gehöre ich als geborener Berliner doch zu jenen, die
durch den täglichen Anblick der Mauer in der geteilten Stadt ständig daran er-
innert wurden, daß es da noch dieses andere Deutschland gibt. Bis zum Bau
der Mauer am 13. August 1961 hatte ich wie so viele andere ein Gymnasium in

11
Wechselseitige Wahrnehmungen und ihre Nachwirkungen

West-Berlin besucht, weil ich, das hieß damals wegen mangelnder politischer
Tätigkeit, nicht die Erlaubnis bekam, in dem Teil Berlins, in dem ich wohnte,
mein Abitur machen zu können. Der Geruch der Currywürste und der Ge-
schmack der Coca Cola, die farbige Pracht der Comics und die vielfältigen
Verwendungsmöglichkeiten von Wrigleys Kaugummi waren mir bestens be-
kannte Selbstverständlichkeit, mindestens bis zum 13. August 1961.

Den Mauerbau habe ich selbst nicht in Berlin erlebt. Zu dieser Zeit war ich auf
einer Rüstzeit im schönen Schloß Mansfeld, also mitten in Luthers Heimat.
Auch dort hörten wir Siebzehn- oder Achtzehnjährigen natürlich Radio und
erfuhren auf diese Weise schon am Morgen des 13. August von der Errichtung
des „antifaschistischen Schutzwalls“ um West-Berlin. Das haben wir heute
manchmal vergessen, der hieß offiziell bis zum letzten Tag seiner Existenz
nicht verniedlichend Mauer, sondern „Antifaschistischer Schutzwall“. Die Alt-
bundesrepublikaner unter uns sollten wissen, daß sie damit gemeint gewesen
sind. Wir 17-, 18-jährigen hielten am 13. August das Ganze für einen Witz,
ahnten noch überhaupt nichts davon, was dieser Tag grundlegend verändern
sollte, auch ganz konkret in dem Leben jedes einzelnen von uns.

Schon wenige Wochen nach der Grenzschließung stand ich mit meiner Mutter
und meinen Geschwistern im Ostteil Berlins in der Heinrich-Heine-Straße und
winkte meinem Vater zu, der im Westteil Berlins auf einen der zu diesem
Zweck gebauten Holztürme gestiegen war und von dort aus zurückwinkte.
Meine Eltern hatten sich in vollständiger Verkennung der tatsächlichen Lage
und ihrer Folgen geeinigt, daß mein Vater als „Ausweis-West-Berliner“, der er
zu der Zeit war, zunächst im Westen bleiben sollte. Als wir damals über die
Grenze hinweg unserem Vater zuwinkten, begriff ich, was da nun auf uns zu-
kommen würde. Die Mauer mit all ihren Folgen für unsere Familie und für
mich ganz persönlich würde ich wohl der SED nie verzeihen können.

Im Laufe der nächsten Jahre wurde ich ein richtiger Ost-Berliner wie alle an-
deren auch. Die vertrauten Straßenzüge im anderen Teil Berlins wurden mir
fremd, auch wenn ich vieles von dem, was mir früher ganz selbstverständlich
vertraut gewesen war, allabendlich im Fernsehen zu sehen bekam. Aber das
war eine andere „Wahrnehmung“, um diesen Begriff aus der Titelformulierung
dieser Anhörung einmal aufzunehmen. Wie anders diese Wahrnehmung war,
begriff ich, als ich erstmals, auch das ist von hier aus zu sehen, im Restaurant
des Fernsehturms am Alexanderplatz Kaffee trinken war.

Dieses Prestigeobjekt sozialistischer Baukunst besitzt ein, die meisten werden
es wissen, drehbares Restaurant. Im Verlauf einer Stunde kann man da einen
Rundumblick über das ganze Berlin genießen. Ich sah – klein wie Spielzeug –
die Berliner Stadtlandschaft unter mir vorüberziehen, auch jene mir von den
SED-Machthabern nun offensichtlich auf alle Zeit „verbotene Stadt“. Das hat
wehgetan und zornig gemacht.

Glücklicherweise blieben wir nicht auf lange von allen Kontakten in das ande-
re Deutschland abgesperrt. In Berlin waren wir da in einer besonders günstigen